Die Sache mit der Inzucht

mit freundlicher Genehmigung von
A.Univ.Prof.Dr.Irene Sommerfeld-Stur
Institut für Tierzucht und Genetik
Veterinärmedizinische Universität Wien
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Kaum ein anderes Thema wird bei Hundezüchtern so emotional und kontroversiell diskutiert und bei kaum einem anderen Thema gibt es so viele Missverständnisse und Fehleinschätzungen wie bei Inzucht. Dieser Artikel soll dazu beitragen dass die Grundlagen von Inzucht verständlicher werden und damit Fehler im Umgang mit ihr vermieden werden aber auch Chancen die einem der richtige Umgang mit Inzucht bietet, wahrgenommen werden können.

Inzucht ist zunächst einmal ein mal ein klassisches tierzüchterisches Instrument und als solches auch völlig wertneutral. Inzucht hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren und wenn man sich mit Tierzucht beschäftigt, sollte man beide Bereiche kennen. Sinnvoll und mit Verstand eingesetzt kann Inzucht eine Rasse schnell vorwärts bringen, falsch eingesetzt kann Inzucht eine Rasse kaputtmachen.

Auch von der Definition her gibt es immer wieder mal Missverständnisse. So wird z.B. gelegentlich Inzucht mit Inzestzucht verwechselt bzw. gleichgestellt.

Dazu mal die klassischen Definitionen aus dem Tierzuchtlehrbuch:

  • Inzucht: Paarung von verwandten Tieren (oder genauer: Paarung von zwei Tieren die näher miteinander verwandt sind als zwei zufällig aus der Population herausgegriffene Tiere).

  • Inzestzucht: Paarung von Verwandten ersten Grades (also Vater-Tochter, Mutter-Sohn, Vollgeschwister)

  • Linienzucht: Ist eine spezielle Zuchtform, bei der auf Väter- oder Mütterlinien mit besonderen Leistungsmerkmalen gezüchtet wird und die zu einem Anstieg des Inzuchtniveaus führt.

Inzucht kann einerseits bewusst z.B. in Form von Linienzucht eingesetzt werden, Inzucht bzw. deren Konsequenzen ergeben sich aber auch unbewusst und/oder unbeabsichtigt im Zusammenhang mit anderen Zuchtmethoden bzw. Populationscharakteristika. So kommt es z.B. durch jede Form von Selektion zu einem Inzuchtanstieg, und vor allem in kleinen Zuchtpopulationen kommt es durch die so genannte "genetische Drift" ebenfalls zu einem Anstieg des Inzuchtniveaus. Und hier ist es vor allem der übermäßige Zuchteinsatz einzelner Vatertiere, durch den das Inzuchtniveau ganz schnell in die Höhe gehen kann.

Zur Demonstration ein paar Zahlen. Wenn man eine aktive weibliche Zuchtpopulation von 30 Hündinnen hat und für diese Hündinnen werden 20 Rüden in etwa gleichmäßig verteilt eingesetzt, dann ergibt sich ein relativer Anstieg des Inzuchtniveaus der Population pro Generation von 1,04%, wenn für die 30 Hündinnen nur 10 Rüden verwendet werden, dann ist der Inzuchtanstieg bereits 1,67%, wenn es nur mehr 5 Rüden sind dann steigt das Inzuchtniveau um 2,9%. Die Grundlage dieser Berechnungen ist eine relativ einfache Formel, die von Sewell Wright definiert wurde.

Die unmittelbare Konsequenz von Inzucht ist zunächst mal nur dass der Anteil der homozygoten (reinerbigen) Gene steigt. Das führt als erstes einmal zu einer Einschränkung der genetischen Vielfalt in der Population bzw. auch beim Einzeltier und das ist auch einer der Gründe für negative Konsequenzen der Inzucht. Dadurch dass die Tiere weniger unterschiedliche Gene zur Verfügung haben, können sie sich mit den zahlreichen Umwelteinflüssen, denen sie ausgesetzt sind weniger erfolgreich auseinandersetzen und sie werden dadurch anfälliger. Es kommt zu den so genannten Inzuchtdepressionserscheinungen wie erhöhte Krankheitsanfälligkeit, geringere Fruchtbarkeit, geringere Vitalität, herabgesetzte Lebenserwartung etc..

Dann kommt es aber auch darauf an, was für Gene das sind, die durch Inzucht homozygot werden. Das können einerseits solche Gene sein, die erwünschte Eigenschaften (Körperformen, Wesen, Leistungseigenschaften) bedingen, das erreicht man ja auch durch entsprechende Selektionsmaßnahmen (die aber eben fatalerweise praktisch immer auch mit einem allgemeinen Anstieg des Inzuchtniveaus verbunden sind). Aber es können eben auch Gene sein, die unerwünschte Merkmale bedingen. Das können einerseits unerwünschte Formmerkmale sein (schlechte Fellqualität, unerwünschte Ohrenform, Fehlstellungen der Extremitäten etc.), Wesensfehler und leider recht häufig eben auch Defektgene, die zu Erbkrankheiten führen. Verkompliziert wird die Sache noch dadurch, dass viele unerwünschte Gene rezessiv vererbt werden und deshalb oft erst durch den Anstieg des Inzuchtniveaus in homozygoter Form auftreten und damit erst erkennbar werden nachdem sie sich vorher schon über mehrere Generationen unerkannt in der Population verbreitet haben.

In diesem Mechanismus liegt aber auch eine gewisse Chance von Inzucht. Dass man nämlich Defektgene, die in der Population vorhanden sind auch frühzeitig als solche erkennt und entsprechende Maßnahmen dagegen treffen kann. Diese Maßnahmen müssen dann aber auch getroffen werden. Das heißt, wenn durch Inzucht Defektgene in einer Population offensichtlich werden, dann muss sofort und effizient gegen diese Defekte selektiert werden. Und effiziente Selektion heißt in diesem Fall Zuchtausschluss der Merkmalsträger, also der direkt betroffenen kranken Tiere aber auch Zuchtausschluss von Verwandten ersten Grades. Und das sind in erster Linie beide Eltern von Merkmalsträgern, denn diese tragen das betreffende Defektgen mit 100%-iger Sicherheit zumindest in einfacher Dosis. Ein Zuchtausschluss sollte aber vernünftigerweise auch die Vollgeschwister und allenfalls bereits vorhandene Nachkommen von kranken Tieren betreffen.

Wenn man nun Inzucht gezielt einsetzen will ohne der Population zu schaden muss man

  • bei der Auswahl der Zuchttiere strengste Maßstäbe in Bezug auf alle erwünschten und unerwünschten Merkmale setzen.

  • Anpaarungen so vornehmen, dass im genetischen Umfeld der Paarungspartner keine bekannten Vererber von Defektgenen aufscheinen. Paarungen sind insbesondere dann zu vermeiden, wenn bekannte Defektvererber im Pedigree beider Paarungspartner auftreten.

  • die Nachkommen sehr genau in Bezug auf das Auftreten unerwünschter Merkmale kontrollieren und wenn bei den Nachkommen unerwünschte Merkmale auftreten, nach Möglichkeit (und natürlich auch entsprechend den Auswirkungen der unerwünschten Merkmale) die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Sprich: im Notfall auch mal eine gesamte Linie aus der Zucht nehmen.

Eine gelegentlich eingesetzte Form einer gezielten Inzuchtpaarung betrifft eine Paarung, bei der ein züchterisch besonders wertvoller Rüde gleichzeitig Großvater und Urgroßvater des Wurfes ist. Eine solche Paarung ist natürlich nicht risikolos kann aber unter bestimmten Umständen verantwortet werden:

  • wenn der betreffende Rüde bereits ausreichend Nachkommen hat und alle diese Nachkommen keinen genetischen Defekt aufweisen.

  • wenn außer dem betreffenden Rüden und seinen Vorfahren keine anderen gemeinsamen Ahnen im Pedigree des Wurfes auftreten.

  • wenn ganz gezielt bestimmte für die Rasse wichtige erwünschte Merkmale dieses Rüden in homozygoter Form fixiert werden sollen.

Ungeachtet dieser Überlegungen ist bei der Planung eines solchen Wurfes natürlich immer das Risiko von unspezifischen Inzuchtdepressionserscheinungen im Sinne schlechterer Anpassungsfähigkeit der Nachkommen zu bedenken.

Wenn man Inzucht vermeiden oder limitieren will sollte man

  • Zuchtrüden nur beschränkt einsetzen.

  • bei der Auswahl der Paarungspartner das Inzuchtniveau der Nachkommen beachten. Dazu stehen heute diverse Anpaarungsprogramme zur Verfügung, die das Inzuchtniveau der Nachkommen vorgegebener Paarungen berechnen.

  • allenfalls auch mal über Einkreuzungen nachdenken.

Oft stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage wie hoch das Inzuchtniveau einer Population ansteigen darf, wie viel Inzucht eine Population also verträgt.

Diese Frage lässt sich aber nicht allgemeingültig beantworten. Die Folgen von Inzucht für eine ganz bestimmte Population hängen im Wesentlichen von drei Dingen ab:

  1. Der genetischen Bürde der Population, d.h. der Art und Anzahl der Defektgene, die in der Population vorhanden sind. Ist die genetische Bürde groß, wird bereits ab einem niedrigen Inzuchtniveau mit negativen Folgen für die Population zu rechnen sein, gibt es nur wenige oder gar keine Defektgene wird ein höheres Ausmaß an Inzucht toleriert werden können. Denn wenn keine rezessiven Defektgene vorhanden sind, können sie auch nicht homozygot werden und somit können auch keine Erbfehler auftreten. Auch der Krankheitswert der rezessiven Defektgene muss hier berücksichtigt werden. Gene, die z.B. schwere Stoffwechseldefekte verursachen sind für eine Population natürlich mit wesentlich schlimmeren Folgen verbunden als Gene die eher geringfügigere Defekte bedingen. Umgekehrt sind schwerwiegende Erkrankungen zumindest unter halbwegs natürlichen Selektionsbedingungen leichter aus der Population zu eliminieren, in jedem Fall dann wenn die Fortpflanzungsfähigkeit der betroffenen Tiere durch den Defekt beeinträchtigt ist.

  2. Den Umweltbedingungen unter denen eine Population lebt. Denn eine der Folgen der inzuchtbedingten Homozygotierung ist ja das geringere Umweltanpassungsvermögen der höher homozygoten Tiere. Lebt eine Population unter weitgehend standardisierten, gleichbleibenden und optimalen Umweltbedingungen, wird ein höheres Inzuchtniveau toleriert werden können, lebt eine Population unter unterschiedlichen, ständig wechselnden und/oder sehr ungünstigen Umweltbedingungen wird es bereits bei niedrigem Inzuchtniveau zu Inzuchtdepressionserscheinungen kommen.

  3. Art und Umfang der Selektion. Unter scharfen Selektionsbedingungen, d.h. wenn inzuchtgeschädigte kranke Tiere sofort aus der Zucht genommen werden, kann eine Population ebenfalls ein höheres Inzuchtniveau tolerieren als wenn kranke Tiere zur Zucht verwendet werden.

Es gibt ein paar Beispiele für mehr oder weniger inzuchtresistente Populationen die aus einem oder mehreren der oben genannten Gründe trotz intensiver Inzucht gesunde und leistungsfähige Tiere umfassen.

Der syrische Goldhamster: Die heutigen Goldhamster stammen alle von einer Familie ab, das war ein Hamsterweibchen mit einem Wurf, die im Jahr 1930 in der syrischen Wüste ausgegraben wurden. Es gab also eine winzig kleine Founderpopulation so dass das Inzuchtniveau extrem hoch ist, trotzdem sind Goldhamster im Großen und Ganzen gesunde Tiere. Die Erklärung dafür liegt m.E. einerseits in den relativ optimalen Umweltbedingungen unter denen Goldhamster üblicherweise gehalten werden, anderseits möglicherweise darin, dass die Ausgangspopulation mit keinerlei Defektgenen belastet war.

Der Isländer: Seit dem Jahr 950 gilt für die Insel Island ein absolutes Importverbot für Pferde. Die dortige Pferdepopulation wird daher seit dieser Zeit als geschlossene Zuchtpopulation ohne jegliche Einkreuzung gezüchtet. Damit ist ebenfalls von einem sehr hohen Inzuchtniveau auszugehen. Der Grund für die Inzuchtresistenz dieser Pferde liegt sicher in den extremen Lebens- und damit fast natürlichen Selektionsbedingungen, bei denen jede Form von Defekt auf der Stelle ausgemerzt wird.

Bei unseren heutigen Hunden schaut die Sache nun ganz anders aus:

  • Es liegt bei fast allen Rassen eine mehr oder weniger hohe (teilweise extrem hohe) genetische Bürde vor.

  • Die Selektionsintensität in Hinblick auf genetische Defekte und Erkrankungen ist bei den meisten Rassen mehr als bescheiden. Hier wirkt im Grunde auch die moderne Veterinärmedizin fast kontraproduktiv, da viele Tiere, die unter weniger guter medizinischer Versorgung das fortpflanzungsfähige Alter gar nicht erreichen würden, dank entsprechender Behandlung in der Zucht eingesetzt werden können.

  • Unsere heutigen Hunde leben, so wie wir auch, unter sehr unterschiedlichen Umweltbedingungen.

Man muss also davon ausgehen, dass die Inzuchtresistenz der modernen Hunde nicht sehr ausgeprägt ist. Trotzdem gibt es in erster Linie wegen der unterschiedlichen genetischen Bürde auch Unterschiede in der Inzuchtanfälligkeit zwischen Rassen bzw. Zuchtpopulationen. Somit macht es meiner Ansicht nach wenig Sinn ein bestimmtes Inzuchtniveau als allgemeingültigen Grenzwert festzulegen.

Man sollte also, wenn man Inzucht limitieren will, die Strategie verfolgen, dass man unter Beachtung der sonstigen Selektionsbedingungen so züchtet, dass die Nachkommen ein möglichst niedriges Inzuchtniveau haben (z.B. unter Verwendung von Anpaarungsprogrammen, die den Inzuchtkoeffizienten der prospektiven Nachkommen einer geplanten Paarung ausrechnen).

Dabei sollte man aber berücksichtigen, dass bei den meisten Populationen Inzuchtvermeidung allein heute nicht mehr ausreichen wird um Gesundheit und Vitalität der Tiere zu gewährleisten. Das kann allenfalls ein zusätzliches Hilfsmittel in den züchterischen Bemühungen um die Zucht gesunder Hunde sein.

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Über acdisla

Mit 20 Jahren war ich verheiratet und mit 28 Jahren hatte ich drei Töchter. Ih war eine gute Hausfrau und Mutter. Kochen, Waschen, Hausaufgaben mit den Kindern, kutschierte alle zu den Freizeitaktivitäten und, und und. Abends dann Befriedigung des Ehemanns. Mit 37 Jahren war ich am Ende. Drei Selbstmordversuche zeigten meine Verzweiflung. Geändert haben sie an meiner ehelichen Einöde nichts. Ich rettete mich durch Scheidung, lernte mit Feuereifer und fand einen interessanten, mich fordernden Beruf.Unterstuetzung gab mir eine neue Freundin. Die Rechnung fuer 17 Jahre ehelicher Vergewaltigung kam in Form eines Koma in dem eine meiner drei Töchter neben meinem Bett sass. Das folgende Jahr verbrachte ich im Krankenhaus und erholte mich langsam von einer fast ganzseitigen Lähmung, Verlust meiner Muttersprache und meiner Erinnerung. Halbwegs wieder intakt, bekam ich Multiple Sklerose. Nach einem langjährigen Versuch Kindern in einem Kuenstlerdorf Sport beizubringen, habe ich einen idyllischen Restbauernhof gekauft und ein Hotel fuer Hunde aufgemacht. Das wurde der grösste und erfolgreichste Spass in meinem Leben. Inzwischen fand ich in Finnland ein traumhaftes Zuhause. Auf 50 000 qm konnen wir und unsere Hunde so frei leben, wie wir es uns erträumt hatten. Mir hat die MS inzwischen einen elektrischen Rollstuhl beschert, was der Mobilität ganz neue Dimensionen gibt. Meine Gedanken habe ich hier teils in Reimen, teils in Prosa aufgeschrieben. Viel Spass beim Lesen.
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