Taube LILLY „lernt“ hoeren

Andrea Musfeldt, Neumuenster, Deutschland

Eigentlich wollten wir nur ACD Welpen bei einer befreundeten Züchterin ansehen. Eigentlich. Aber es kam alles ganz anders.
Einige Monate bevor wir uns die Welpen ansahen, mussten wir unseren geliebten Retriever BENNY gehen lassen. Aber wir hatten ja noch CASEY (Border Collie) und MAC (ACD). Zwei Hunde reichten uns völlig und darum sahen wir keine Gefahr darin, uns Welpen anzusehen. Was für ein Trugschluß!

Ein Cattle Dog kommt selten allein…

Unschuld, mein Name ist LILLY

Die Welpen waren mal wieder sehr süß und aus Blödsinn sagte ich , dass ich die Kleine mit dem dicken weißen,plüschigen Hintern niedlich faende. Daraufhin wurde mir eine kleine Hündin in den Arm gelegt, mit dem Hinweis, sie hätte es doch so gut bei uns, wir kämen doch so toll mit MAC zurecht und sie würde die Kleine in guten Hände wissen. Meine Frage, ob der Hund taub wäre, wurde mit ja beantwortet.
Ein tauber Hund! Volltaub! Das wäre ja mal eine Herausforderung. Wir wussten bis dahin aber ja auch nicht, dass die kleine Maus ein „richtiger“ Cattle Dog werden würde. MAC war schließlich alles andere als „typisch“. Letztendlich nahmen wir die Herausforderung an und LILLY zog ca.6 Wochen später bei uns ein.

Ich mutierte zum Buecherwurm

Bevor LILLY zu uns kam, habe ich zwei Bücher über taube Hunde gelesen und auch sehr viele Seiten im Internet besucht. Das war alles sehr hilfreich, und ich kann das jedem nur empfehlen.Es gibt doch ein paar Dinge zu bedenken, bevor man sich einen Hund mit Handicap anschafft.

Pantomime macht Spass!

LILLY lernte und lernt sehr, sehr schnell. In kürzester Zeit konnte sie auf Handzeichen „sitz“,“komm“,“fein/ok“,“
platz“ (wozu sie aber ueberhaupt keine Lust hat) und „nein“. Mittlerweile kam „bleib“,“hol/bring“,“gib“,“hopp“ und „such“ dazu. Sie kennt auch das Zeichen für „meins“ und wenn ich ihr die Zähne zeige, nimmt sie die Pfoten vom Tisch. Ach ja,“leise“ und „schluß“ sind auch nicht gerade ihre Lieblingsbefehle!

Leine(n) los, ich fange Maeuse

Ich finde es sehr wichtig, dass gerade ein tauber Hund eine sehr gute Bindung zum Halter aufbaut (ja ich weiß,das muss so oder so sein,aber man sollte sich noch mehr Mühe geben), ansonsten wird man einen tauben Hund niemals von der Leine machen können.

MAC und CASEY werden zu Vorbildern

Die anderen beiden Hunde haben mir bei der Erziehung sehr geholfen. LILLY orientiert sich sehr daran, was CASEY und MAC machen. So hat sie MAC sehr viel beobachtet und macht ihn oft nach. Wenn er z.B.bellt, schaut sie ihn an und bellt entweder auch oder läuft zur Tür/Fenster und schaut, ob jemand kommt.

Ich mache mit LILLY, genau wie mit den beiden anderen auch, Agility. Die Kleine macht das wirklich gut und hat schnell begriffen worauf es ankommt. Man muss natürlich noch eindeutiger in seinen Bewegungen sein,weil sie sich ja nur daran orientieren kann und nicht an gesprochenen Befehlen.

Wenn ich einen der beiden anderen Hunde rufe, bekommt LILLY das sofort mit und rennt hinter den beiden her. Auch hat sie mich immer im Blick. Meist ist sogar sie die erste, die es merkt, wenn ich mich verstecken will. Es kann auch schon mal sein, dass sie in ein Maisfeld läuft, oder auch in den Wald. Bei LILLY braucht man aber keine Angst zu haben, da sie einen immer wieder findet.

Oft habe ich das Gefühl, dass es für sie ihre Art zu hören ist, wenn sie durch trockenes Laub läuft,oder durch trockenes Gras,oder aber durch dichtes Gestrüpp. Das macht sie nämlich so oft es geht und hat damit auch schon den MAC angesteckt.

LILLY und die Emanzipation

Hauptsache MAC hoert, dass ICH der Boss bin

LILLY ist vom Wesen her ganz anders als unser MAC. Sie ist sehr selbstbewusst, wenn es darum geht irgendetwas auszuprobieren. So ist sie z.B. in dem Sommer, als sie zu uns kam, auf einen Gartenstuhl gesprungen und wollte von dort auf den weiter entfernt stehenden Gartentisch springen. Hat nicht ganz geklappt. Sie ist mit dem Kinn auf den Tisch gedonnert und ist dann runtergefallen. Hat sie daraus gelernt? Jaaa,hat sie. Beim naechsten Mal hat sie mehr Schwung genommen und ist auf dem Tisch gelandet. Das wäre Mac niemals in den Sinn gekommen.
Nichts ist LILLY zu wackelig oder zu hoch. Im Winter ist sie bei der Nachbarin über den Zaun gesprungen,von da auf den Gartentisch und weiter im Sprung pflueckte sie mal eben die Meisenknödel vom Pavillon. MAC wäre nie und nimmer über den Zaun gesprungen, es sei denn Kamikatze (Nachbars gemeiner Kater Carlo) wäre dort gewesen.

Nicht Seefahrt tut Not, sondern Komunikation

Ihr Verhalten gegenüber fremden Artgenossen ist unterschiedlich. Da ist sie oftmals unsicher. Das liegt aber sicher auch daran, dass sie fremde Hunde nicht immer einschätzen kann. Nicht jeder Hund hat eine eindeutige Körpersprache. Dazu kommt, dass LILLY ja nicht wirklich weiß, was eindeutig ist. Darum beobachtet sie erst einmal CASEY und MAC. Ich habe versucht, sie von Anfang an, mit vielen verschieden Hunden zusammen zu bringen.Alte und junge Hunde, große und kleine, helle und dunkle. Hunde mit langem Fell. Hunde mit kurzen Nasen. Ich muss sagen,dass LILLY das ganz toll hinbekommen hat.

Es ist beileibe nicht so, dass sie jetzt mit jedem Hund kann. LILLY erkennt Schwächen beim anderen Hund ziemlich schnell und nutzt sie dann gewitzt aus.So ist es auch nicht so gut, wenn wir auf angeleinte Hunde treffen, wenn sie dagegen ohne läuft. Sie geht fast sofort drauf los, um dann den anderen Hund immer um den Besitzer herum zu jagen! Ist sie aber an der Leine, dürfen andere Hunde getrost an sie herankommen.Ich habe meine Hunde auch an der Leine immer Kontakt aufnehmen lassen und rufe sie nur ab, wenn ich merke es klappt nicht. Dadurch habe ich erfolgreich vermieden, dass meine Hunde zu Leinenkläffern wurde.

Knuddeln bringt Lebensfreude

LILLY strahlt so viel Lebensfreude aus, dass die meisten Menschen erstaunt hoeren, dass sie taub ist. Bisher hat das noch nie jemand bemerkt.

Ich liebe das Leben

Übrigens ist es nicht wahr, dass taube Hunde tiefer und fester schlafen als hörende. Lilly wird immer sehr schnell wach,wenn ich z.B. den Raum verlasse.Ich vermute, sie riecht es,wenn einer den Raum verläßt oder einer dazu kommt. Ihr Geruchssinn und das Sehen sind entsprechend ausgebildet.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen: Wenn sich jemand einen tauben Hund anschafft, bitte, gebt ihm von Anfang an alles mit. Behandelt ihn wie einen hörenden Hund. Redet mit dem Hund, denn er kann ganz genau sehen, ob ihr euch z.B freut. Knuddelt und kuschelt mit dem Hund, lasst möglichtst viele Leute an ihn ran. Auch Kinder. Erschreckt den Hund, fasst ihn im Schlaf an, denn sollte er mal weglaufen, ist es doppelt wichtig, dass Fremde ihn anfassen können. Bringt ihn mit anderen Hunden zusammen, auch mit anderen Tieren.
Ein tauber Hund empfindet genauso viel Lebensfreude und hat selbstverstaendlich seine Daseinberechtigung – genauso wie ein hoerender Hund.

Advertisements

Über acdisla

Mit 20 Jahren war ich verheiratet und mit 28 Jahren hatte ich drei Töchter. Ih war eine gute Hausfrau und Mutter. Kochen, Waschen, Hausaufgaben mit den Kindern, kutschierte alle zu den Freizeitaktivitäten und, und und. Abends dann Befriedigung des Ehemanns. Mit 37 Jahren war ich am Ende. Drei Selbstmordversuche zeigten meine Verzweiflung. Geändert haben sie an meiner ehelichen Einöde nichts. Ich rettete mich durch Scheidung, lernte mit Feuereifer und fand einen interessanten, mich fordernden Beruf.Unterstuetzung gab mir eine neue Freundin. Die Rechnung fuer 17 Jahre ehelicher Vergewaltigung kam in Form eines Koma in dem eine meiner drei Töchter neben meinem Bett sass. Das folgende Jahr verbrachte ich im Krankenhaus und erholte mich langsam von einer fast ganzseitigen Lähmung, Verlust meiner Muttersprache und meiner Erinnerung. Halbwegs wieder intakt, bekam ich Multiple Sklerose. Nach einem langjährigen Versuch Kindern in einem Kuenstlerdorf Sport beizubringen, habe ich einen idyllischen Restbauernhof gekauft und ein Hotel fuer Hunde aufgemacht. Das wurde der grösste und erfolgreichste Spass in meinem Leben. Inzwischen fand ich in Finnland ein traumhaftes Zuhause. Auf 50 000 qm konnen wir und unsere Hunde so frei leben, wie wir es uns erträumt hatten. Mir hat die MS inzwischen einen elektrischen Rollstuhl beschert, was der Mobilität ganz neue Dimensionen gibt. Meine Gedanken habe ich hier teils in Reimen, teils in Prosa aufgeschrieben. Viel Spass beim Lesen.
Dieser Beitrag wurde unter Gesundheit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s