Was bedeutet eigentlich Zuechten?

© Doris Duewel / Komi, Finland / December 2009
photo by Karin Saenger / kennel WindDrover

Welches sind die Motive, die Überlegungen, die einen Hundebesitzer so sehr inspirieren, auch züchten zu wollen? So, wie der Züchter, von dem er seine Hündin bekam?

Hat ihn die Lust gepackt, Welpen beim Spielen zuzusehen? Ahnt er, wieviel Tag- und Nachtarbeit vor dem Spielen liegen? Macht er sich eine Vorstellung, wieviele Häufchen so eine Welpenbande macht? Wieviel Zeitungspapier ausgerollt werden muss, um es gleich darauf wieder mit neuen Häufchen zusammen zu rollen? Nichts regt Welpendärme mehr an, als saubere Papierlagen…

Hat unser Neuzüchter sich bereits sorgfältig seit längerer (hoffentlich!) oder leider erst seit kürzerer Zeit mit den vielen Aspekten der Zucht beschäftigt? Ist ihm klar, dass Welpen so gut wie immer Spulwürmer haben, die meist als Ergebnis einer von mehreren Wurmkuren gerade dann zum Vorschein kommen, wenn er Spaghetti isst?

Bestehen seine Mußestunden aus dem intensiven Studium aller Zuchtbücher des ACD Klubs?
Hat er die besten Standartwerke zu Genetik und Zucht gekauft und durchgearbeitet?
Kennt er die genotypischen und phänotypischen Eigenschaften der besten Vererber der Rasse?
Sieht er o b j e k t i v die Vorzüge und Nachteile seiner Hündin und wie man sie in der Zucht ausgleichen könnte? Wenn man Glück hat. Denn zu allem Wissen gehört auch eine Portion Glück.
Kennt er den Standart wie ein Pastor seine Bibel? Um Neuzüchtern den Text bildhaft zu veranschaulichen, habe ich den „Standart in Bildern“ auf meine Internetseite gestellt.(http://www.acdservice.webs.com)

Wie sieht es mit Ausstellungen unter starker Konkurrenz im Ausland aus? Jeder angehende Züchter sollte über die Qualitäten oder Fehler seiner Hündin sehr genau Bescheid wissen.
Trotz aller Auszeichnungen vererbt k e i n Hund nur Positives. Man muss die Genetik beider Zuchthunde sehr genau kennen, um zu wissen, dass ihre Verpaarung recht versprechende Welpen hervorbringen könnte. Wer in seinem Wurf einen oder im Höchstfall zwei Welpen mit Siegerqualitäten auf internationalem Parkett hat, weiß in etwa, was der Spruch bedeutet: „Die Götter schenken das Glück nur dem Tüchtigen“.

Jede Rasse hat ihre ganz speziellen, meist rezessiv vererbten Krankheiten. Diese in der Auswahl der Zuchtpartner zu vermeiden, ist eine der schwierigsten Aufgaben eines Züchters.
Leider kommen auch bei sorgfältigster Überlegung immer mal wieder Rückschläge vor, eben weil sich die allermeisten Merkmale ueber viele Jahre rezessiv vererben. Plötzlich haben zwei Hunde dieselbe genetische Veranlagung für einen Fehler und geben diesen an die Nachkommen in dieser speziellen Verpaarung weiter. Nur: wer negative Erbmerkmale billigend in Kauf nimmt um vielleicht einen Sieger zu bekommen, vergeht sich an der Zucht.

Wir wissen beispielsweise, dass wir Taubheit in der Rasse haben. Auch Kryptorchismus* . PRA** war eine andere Geißel. Epilepsie scheint im Vormarsch zu sein. NCL gehört glücklicherweise zu den seltenen Erkrankungen bis jetzt. Den meisten Krankheiten, so auch weiteren Augenerkrankungen neben PRA, wird durch Auflagen der Zuchtordnung größtmöglicher Einhalt geboten.
Ich unterscheide hier zwischen schmerzhaften, im schlimmsten Fall die Lebenszeit verkürzenden Krankheiten und „bloßen“ Schönheitsfehlern, die den betreffenden ACD lediglich von Zucht und Ausstellung ausschließen, wie Farbfehler, Zwergenwuchs, fehlende Zähne, Schlappohren etc.
Zumindest der deutsche Genpool*** der Rasse Australian Cattle Dog – ist offensichtlich recht klein und sollte eher vergrößert und nicht noch mehr verkleinert werden.

Der Wunsch vieler Züchter, lediglich Hunde mit dem prcd2-PRA-Ergebnis „A“(frei) zur Zucht einzusetzen, birgt die Gefahr, diesen Genpool in Zukunft geradezu gefährlich zu verringern, denn mit dem fast völligen Ausschluss jener Tiere mit dem Testergebnis „C“ (befallen) haben wir bereis 1/3 des Genpools unwiederbringlich verloren. Mittlerweile sieht es sogar so aus, als ob viele Züchter auch Hunde mit dem Ergebnis „B“ (Gen-Träger) nicht mehr in die Zucht aufnehmen wollen, weil angeblich die Käufernachfrage nur in Richtung „A“ tendiert. Das wäre der Verlust eines weiteren Drittels des noch vorhandenen Genpools*. Es liegt an den Züchtern, den Kaufinteressenten klarzumachen, dass ein Hund mit dem Testergebnis prcd2-PRA „B“ niemals an PRA* erblinden kann. Wir brauchen die Hunde, die nur Träger der Erkrankung sind, dabei selbst aber nie erkranken können, dringend in der Zucht, um uns wenigstens den vorhandenen genetischen Pool zu erhalten.

Ein zu schmaler Genpool wird in wenigen Jahren zu einer mehr oder minder wahllosen Inzucht führen, weil fast keine vorzüglichen Hunde mehr in der Zucht sein werden, die nicht miteinander verwandt sind. Das kann sich keine Rasse erlauben!
Nicht zuletzt spielt auch das Wesen eine tragende Rolle: dass beide Zuchtpartner ihr typisches Wesen haben, ist selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich ist es auch, dass Angstbeißer nicht in die Zucht gehören!

Ein Problem jedoch, für das niemand wirklich verantwortlich ist, sehe ich in Deutschland. Jedem Neuzüchter sollte ein erfahrener Mentor zur Seite stehen, der zu jeder Tag- und Nachtzeit bereit ist, dem unerfahrenen Neuling zu helfen. Nur(!): jene ACD-Züchter, die durch viele Jahre und Würfe Erfahrung gesammelt haben, kann es in Deutchland noch gar nicht geben. Die ACD-Zucht steckt in Deutschland sozusagen immer noch in den Kinderschuhen.
Die nötige Erfahrung stellt sich nach meinem Ermessen erst nach etwa 15 Würfen und zahllosen besuchten Ausstellungen im In- und Ausland ein. Es ist praktisch unmöglich, eine überlegte und überlegende Zucht alleine aufzubauen. Dazu gehören auch Demut und die Bereitschaft, immer dazuzulernen, auch von anderen.
Jeder Züchter sollte bei jeder Verpaarung bedenken, dass in vielen Jahren neue Jungzüchter ihre Zucht auch auf seinen Hunden aufbauen müssen. Alle Fehler, die dann augenscheinlich werden, weil die meisten Merkmale nun einmal rezessiv „mitgeschleppt“ werden, gehen eben auch auf seine Zucht zurück.
Sollte dieser Gedanke nicht erschrecken und zu jeder gebotenen Wachsamkeit, Überlegung und Vorsicht führen?
Jeder einzelne Züchter hat eine sehr wichtige Verantwortung für das weitere Gedeihen, ja für die Erhaltung dieser wunderbaren Rasse.

Ein angehender Züchter hat meine ganze Bewunderung, denn er ahnt noch nichts von den vielen Nackenschlägen, die neben der Zufriedenheit, manchmal auch dem Stolz und dem Glück, auf ihn warten.Vielleicht die wichtigste Voraussetzung ist Beharrlichkeit. Wenn die Rückschläge kommen: sich schütteln wie ein Hund, weitermachen und sein Ziel – der Rasse in erster Linie zu dienen – nicht aus den Augen verlieren!

Im Laufe der Jahre habe ich bei der Angabe der Gründe zum Züchten auch Argumente gehört wie: „Die Kinder sollen einmal den Spaß mit den Welpen erleben oder eine Geburt sehen“. Taugliche Gründe sind das sicherlich nicht, denn Kinder haben nach einiger Zeit die Welpen genossen und überlassen die Arbeit dann den Erwachsenen. Die Geburt macht eine Hündin gern mit nur einer Bezugsperson. Wenn Kinder zwischendurch reden oder aus dem Zimmer laufen, verhalten sie nur die Geburt, was zu ernthaften Zwischenfällen führen kann. Ich habe meine drei Kinder auch nur jeweils einzeln bei der Geburt eines einzigen Welpen schweigend zusehen lassen.

Auch die Ansicht, mit der Zucht viel Geld zu verdienen, ist absolut irrig. Ich habe in dreißig Jahren Zucht keinen Pfennig verdient. Das werden erfahrene Züchter sicher bestätigen können. Hundezucht ist wahrscheinlich sogar eines der teuersten und zeitaufwendigsten Hobbies. Aber auch das schönste!

*Unter Kryptorchismus versteht man Einhodigkeit oder Hodenlosigkeit. Der Tierarzt unterscheidet zwischen Kryptorchismus unilateralis und Kryptorchismus bilateralis.
**PRA ist eine vererbte Augenerkrankung bei Hunden. Diese Erkrankung führt im Endstadium immer zur Blindheit. Es handelt sich um eine Erkrankung der Netzhaut (Retina).
Izwischen können verschiedene Laboratorien den Grad der genetischen Veranlagung feststellen. Er reicht von A (frei), ueber B (Träger) bis zu C (krank).
***Genpool ist die Summe der vererblichen Vielfalt im Zuchtpotential einer Rasse. Je grösser dieser Genpool ist, desto mehr sagt er aus ueber die Lebensfreude und Ueberlebensfähigkeit der Nachkommen aus.

copyright © Doris Duewel, alle Rechter vorbehalten / webmaster : Doris

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Über acdisla

Mit 20 Jahren war ich verheiratet und mit 28 Jahren hatte ich drei Töchter. Ih war eine gute Hausfrau und Mutter. Kochen, Waschen, Hausaufgaben mit den Kindern, kutschierte alle zu den Freizeitaktivitäten und, und und. Abends dann Befriedigung des Ehemanns. Mit 37 Jahren war ich am Ende. Drei Selbstmordversuche zeigten meine Verzweiflung. Geändert haben sie an meiner ehelichen Einöde nichts. Ich rettete mich durch Scheidung, lernte mit Feuereifer und fand einen interessanten, mich fordernden Beruf.Unterstuetzung gab mir eine neue Freundin. Die Rechnung fuer 17 Jahre ehelicher Vergewaltigung kam in Form eines Koma in dem eine meiner drei Töchter neben meinem Bett sass. Das folgende Jahr verbrachte ich im Krankenhaus und erholte mich langsam von einer fast ganzseitigen Lähmung, Verlust meiner Muttersprache und meiner Erinnerung. Halbwegs wieder intakt, bekam ich Multiple Sklerose. Nach einem langjährigen Versuch Kindern in einem Kuenstlerdorf Sport beizubringen, habe ich einen idyllischen Restbauernhof gekauft und ein Hotel fuer Hunde aufgemacht. Das wurde der grösste und erfolgreichste Spass in meinem Leben. Inzwischen fand ich in Finnland ein traumhaftes Zuhause. Auf 50 000 qm konnen wir und unsere Hunde so frei leben, wie wir es uns erträumt hatten. Mir hat die MS inzwischen einen elektrischen Rollstuhl beschert, was der Mobilität ganz neue Dimensionen gibt. Meine Gedanken habe ich hier teils in Reimen, teils in Prosa aufgeschrieben. Viel Spass beim Lesen.
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